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Dimension Gott - Thesen, Inhalte, Kompetenzen, unterrichtliche Zugänge

Fünf Thesen zu einem guten Religionsunterricht

Theologisch-didaktische Vorbemerkungen zur Dimension Gott im RU
Die Grundaufgabe des Religionsunterrichts besteht darin, „ausgehend von einer Analyse der Lebenswelten Kinder und Jugendliche in ihrer Identitätsentwicklung zu fördern und ihre Orientierungsfähigkeit zu stärken.“[1] Guter Unterricht macht Schülerinnen und Schüler zum Subjekt des Unterrichts. Bei der Gottesfrage heißt das, dass Schülerinnen und Schüler angeregt werden, sich mit ihrem Gottesbild auseinanderzusetzen. Der Religionsunterricht soll dazu beitragen, dass sie für sie passendes Gottesbild entwickeln, es zu verifizieren und weiterzuentwickeln. Der Kernlehrplan Evangelische Religion bezeichnet die Gottesfrage als Kernfrage für den gesamten Unterricht: „Im Zentrum des Religionsunterrichts steht die Gottesfrage. Insofern sind die im Religionsunterricht vermittelten Werte immer im Zusammenhang mit ihr zu sehen. Der Glaube beruht nicht auf Werten, sondern umgekehrt beruhen Werte auf dem Gottesglauben, wie er in der biblischen Tradition verankert ist.“[2]Der Kernlehrplan eröffnet für den kompetenzorientierten Religionsunterricht Dimensionen, die als Kernpunkte für eine thematische Verknüpfung dienen. Für die Dimension Gott fordert der Lehrplan ein, dass die Schülerinnen und Schüler im Evangelischen Religionsunterricht die Möglichkeit erhalten „über Gott nachzudenken, Grunderfahrungen des menschlichen Lebens auf ihre eigene Existenz und Lebensgestaltung zu beziehen. Der Evangelische Religionsunterricht will sie an das biblische Reden von Gott heranführen und ihnen helfen ein Gottesverständnis zu entwickeln, das sich auch im Alltag bewährt. Dabei sollen sie mit der Zeit offen werden für andere und neue Bilder von Gott, erfahren, warum Menschen von Gott reden und begreifen, dass Menschen von Gott nur in Bildern und Symbolen sprechen können.“[3]
In fünf Thesen hat die Landesfachkonferenz dargestellt, wie ein guter Religionsunterricht die Schülerinnen und Schüler bei der Beschäftigung mit der Gottesfrage gewinnbringend begleiten kann.

Einführungspräsentation

These 1
Ein guter Religionsunterricht leitet dazu an, eigene Gottesbilder wahrzunehmen, auszudrücken und über sie zu kommunizieren.
Zu Beginn einer Beschäftigung mit der Gottesfrage sollte eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben stehen, eine Bestandsaufnahme, wie ich selbst Gott sehe. Dabei spielt nicht nur die Wahrnehmung eines eigenen Gottesbildes eine Rolle, sondern auch das Erlernen von Ausdrucksmöglichkeiten, quasi eine theologische „Alphabetisierung“. Nur wenn ich das Vokabular der Sprache beherrsche, ist auch eine echte Kommunikation über Gott möglich.Im Kernlehrplan wird dies besonders durch den Kompetenzbereich II abgedeckt. Perzeption heißt hier, religiöse Phänomene, persönliche Glaubensüberzeugungen sowie Selbst- und Weltverständnis wahrzunehmen. Dabei ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler auch eigene Zweifel und Anfragen an Gott, Kirche und Religion wahrnehmen und sie kritisch zum Ausdruck bringen können (K II,3). Gottesbilder werden dabei in Text, Bild, Gespräch, Gedanken und Erfahrungen in Bezug auf Gott ausgedrückt (K II,1). Dabei können auch Erfahrungen von Leid und Freude in Verbindung mit Gott gebracht werden (z. B. Gebete, Lieder, Klage) (K III,2; K V,2).

Kurzbeschreibung eines Unterrichtsvorhabens zui These 1
Im Folgenden wird ein Teil einer Unterrichtseinheit zum Thema „Gott – was für mich?!“ in Klassenstufe 5 dargestellt. Besonders genau werde ich die zweite Doppelstunde beschreiben, da sie geeignet ist, grundsätzlich Folgendes zu zeigen: Hier werden Kinder angeleitet, ihr Sich-Herantasten an die Frage nach einer persönlichen Gottesvorstellung auszudrücken. Was dieser Phase vorangeht und was ihr folgt, wird lediglich skizziert. Gearbeitet wurde mit 18 evangelischen Schülerinnen und Schüler an der Graf-Ludwig-Gemeinschaftsschule Ludweiler; es sind, so mein Eindruck nach vielen Unterrichtsgesprächen,  überwiegend – aber nicht nur – Kinder, in deren Elternhäusern wohl eher selten über Gott und über die Frage, wie man ihn begreifen kann, gesprochen wird.

Beschreibung der Unterrichtsreihe



These 2
Ein guter RU begleitet Schülerinnen und Schüler auf dem Weg, anthropomorphe Gottesvorstellungen schrittweise in Symbolsprache zu übersetzen.
Wenn Kinder ihre Gottesvorstellungen zu Papier bringen, überwiegen dabei erwachsene Gestalten. Dieses Bild gerät spätestens im Alter der Pubertät an seine Grenzen. Hier merken Jugendliche, dass Vater und Mutter keinesfalls allwissend sind und auch gelegentlich nicht in allen Lebensbereichen für die jugendlichen Bedürfnisse und Ideen Verständnis zeigen. Es ist eine gute protestantische Tradition den Gottesbegriff von einer anthropomorphen Vorstellung zu lösen. Schon Luther führte in seinem Deudsch Catechismus (1529) ins Feld: „Woran du nun, sage ich, dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott“[4]. Für den Religionsunterricht bedeutet das, dass die Schülerinnen und Schüler beschreiben können, in welchen Metaphern im AT und NT von Gott gesprochen wird (K I,1+2). Dabei müssen sie unterschiedliche Gottesvorstellungen in verschiedenen Lebenssituationen und Altersstufen reflektieren (K I,3). Ein Weg, dies anzubahnen ist, alttestamentliche Geschichten, in denen Gott Personen der Bibel begegnet ist, nachzuerzählen (K I,1). „Guter Religionsunterricht arbeitet in einem dialogischen Prozess mit den Schülerinnen und Schülern auf eigene Deutungen hin, die theologisch vertretbar und dem eigenen Entwicklungsstand angemessen sind.“[5]


These 3
Ein guter Religionsunterricht erläutert Jesu Reden und Wirken in Bezug auf Gott.
Es ist der Kern des christlichen Glaubens, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Es ist deshalb von elementarer Wichtigkeit, Jesu Gottesbild zu kennen. Die in der Bibel überlieferten Worte und Taten Jesu sind diesbezüglich eine Fundgrube. Besonders zielführend sind die Gleichnisse des Lukasevangeliums[6], aber auch die anderen Gleichnisse, Zeichenhandlungen und Wundererzählungen, allesamt Reich-Gottes-Geschichten.Der Kernlehrplan sieht vor, biblisch-theologische Motive (z. B. Gottes Treue; sein befreiendes, Leben förderndes Handeln; Rechtfertigung; Hoffnung über den Tod hinaus) aufzuzeigen und mit Beispielen zu verbinden (K I,2). Schülerinnen und Schüler sollen die Kompetenz erwerben, zentrale Aussagen Jesu zu beurteilen und auf das eigene Leben zu beziehen (K I,3; K V,3). Die erkennbaren Gottesbilder sind nicht abstrakt, sondern sind immer in der Beziehung zum Menschen gedacht.

Kurzbeschreibung eines Unterrichtsvorhabens zu These 2
Diese Unterrichtsreihe erarbeitet Elemente von Jesu Gottesbild zu kennen. Aus Zeichen- und wunderbaren Handlungen (Heilungen) sowie aus seinen Worten ist abzulesen, wie Jesus Gott sieht. Diese Unterrichtsreihe erschließt zwei Gleichnisse und eine Zeichenhandlung und arbeitet heraus, was sie für unser Leben bedeuten können.

Beschreibung des Unterrichtsvorschlags

Materialien
Tafelbild 1: Sky-Heaven-Mindmap  
Jesus und der Heaven (Trickfilm)  
Tafelbild 2: Reich Gottes  
 

These 4
Ein guter Religionsunterricht bahnt den Dialog zu Positionen an, die die Existenz Gottes leugnen oder Aussagen darüber ablehnen.
„Gemeinsamkeiten stärken — Unterschieden gerecht werden!” — Diesem Votum von Friedrich Schweitzer[7] folgend, richtet sich hier ein anderer Blick auf die Existenz Gottes. Was können wir von anderen lernen? Was können wir vom Umgang der anderen theistischen Religionen mit Gott für unser eigenes Gottesverständnis ableiten? Aber, was unterscheidet uns dabei in unseren Auffassungen? Echte Toleranz kann erst auf der Basis einer eigenen Anschauung und in der Anerkennung der Unterschiede dazu geschehen.Dabei kann es zunächst hilfreich sein, an Hand von Beispielen aus anderen Religionen Gottesbilder und Glaubensinhalte identifizieren (K II,2). Kritisch beurteilt werden sollte, wie außerbiblische und gesellschaftliche Vorstellungen von Gott Menschen in ihrem Verhalten beeinflussen (z. B. Werbung, Fanatismus) (K II, 3; K V,3). Didaktisch gesehen können hier vier Verstehenswege für die Gottesfrage hilfreich sein: „Verstehen lernen durch … Einordnen, Erklären, Erschließen bzw. Aneignen und Anerkennen.“[8]


These 5
Ein guter Religionsunterricht wagt es, Gott als erfahrbar anzubieten.
Gotteserfahrungen (als eine Art religiösen Ausdrucksverhaltens), die selbst gemacht werden oder in der Begegnung anderer deutlich werden (KII, 1), können der Schlüssel für eine fruchtbare Auseinandersetzung mit der Gottesfrage sein. Dabei kann es zunächst hilfreich sein, Wege der Gottesbegegnung bzw. Gotteserfahrung (z. B. Gebet, Traum) zu nennen und zu interpretieren (K III,1+2). Am Beispiel biblischer Propheten und am Leben und Wirken des Apostels Paulus kann aufgezeigt werden, wie das Leben eines Menschen aussehen kann, der Gott folgt (K I,1; K III,2; K V,1+2). Auch Beispiele einer Gestalt der Kirchengeschichte (z. B. Martin Luther, F. v. Assisi, P. Gerhardt) helfen zu beschreiben, wie sich Gottesglauben im Leben auswirken kann (K II,1+2; K V,1+2). Authentische Erfahrungen, in denen sich an Gott gewendet (z. B. Gebet, Lied, Stille, gottesdienstliche Feier) wird, sind besonders schülernah (K III,1). Schließlich reflektieren Schülerinnen und Schüler, wie sich Menschen in ihrer Verzweiflung an Gott wenden, von ihm Hilfe erwarten (Theodizeeproblem) bzw. ihn ablehnen (Religionskritik, K III,3; K V,3).

Kurzbeschreibung eines Unterrichtsvorhabens zu These 5
Ich beobachte, dass viele Schülerinnen und Schüler eine Gleichgültigkeit bezüglich der Gottesfrage zeigen, die über die entwicklungsbedingt typische Ablehnung Gottes hinausgeht. Sie verharren in einem frühkindlich-anthropomorphen Gottesbild, das ihnen aber gleichzeitig nicht mehr altersgemäß erscheint. Daher bemühe ich mich, in meinem Religionsunterricht Denkmuster für Gott anzubieten, die sich in der Lebens- und Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler wiederfinden lassen. Dazu gehört wesentlich die Frage, ob Gott in irgendeiner Art und Weise mit uns in Kontakt tritt. Mir ist es wichtig, dass Gott als kommunikative Kraft in Momenten eines gelingenden Austausches mit den Mitmenschen erkannt werden kann. Doch ich möchte verhindern, dass der Eindruck einer Fremdsteuerung durch Gott entsteht. Daher habe ich die vorliegende Doppelstunde für den Einsatz in den Klassenstufen 6-8 entwickelt, die einen alternativen Zugang zur Gottesnähe anzubieten versucht: Die Schülerinnen und Schüler sollen wahrnehmen, dass Menschen ihr Verhalten reflektieren und ändern, um wichtige Entscheidungen besser treffen zu können. Die Lerngruppe erkennt, dass dieses Phänomen als Kommunikation mit Gott gedacht werden kann. Ich hoffe so ein tragfähiges Gottesbild anzustoßen, dass eine Grundlage für die weitere religiöse Entwicklung darstellen kann.

Beschreibung des Unterrichtsvorschlags   

Materialien
EFF, "Stimme" (Lied)
M 1: Auf Gott hören Impulsbild  
M 2: "Stimme" (Infos zum Lied)  
M 3: "Stimme" (Liedtext)  
M 4: Arbeitsblatt leer 
M 5: Stationenkarten  
M 6: Liedtext zur Erarbeitung 
M 7: Refrain  
M 8:Lösungshorizont 1 
M 9: Reflexionsphase  
M 10: Lösungshorizont 2  
M 11: Hausaufgabe 

Gesamtreader zur Veranstaltung

Gottsuche (didaktisch-spiritueller Impuls am Beginn der Tagung)

Fußnoten
[1] Rat der EKD, Religiöse Orientierung gewinnen, Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule, Gütersloh 22014, S. 25

[2] Kernlehrplan, S. 5

[3] Kernlehrplan, S. 9

[4] Martin Luther, Großer Katechismus Kap. 4, 1. Gebot

[5] Ulrike Baumann, Schwierigkeiten mit Gott als Person, in: JRP 25, Gott im Religionsunterricht, Neukirchen-Vluyn 2009, S. 189

[6] Lukanische Themen sind u. a.: Gott ergreift Partei für die Kleinen und die im Leben zu kurz Gekommenen, die Umkehr des Sünders, die Barmherzigkeit Gottes.

[7] vgl. Friedrich Schweitzer u. a., Dialogischer Religionsunterricht, S. 174 ff.

[8] Kohler-Spiegel, Helga, in der Vielfalt nach Gott fragen, in: JRP 25, Gott im Religionsunterricht, Neukirchen-Vluyn 2009, S,. 203

[9] Kernlehrplan, Dimensionen und Kompetenzen im Fach Evangelische Religion, S. 10

[10] Kernlehrplan, Prozessorientierte Kompetenzen, S. 11