Home

Reformation kompetenzorientiert - Thesen, Inhalte, Kompetenzen und unterrichtliche Zugänge

Vier Thesen zu einem guten Religionsunterricht

Theologisch-didaktische Vorbemerkungen

Im Jahr 2017 jährt sich zum 500. Mal der Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg. Dieses Ereignis wird allgemein als Startschuss der Reformation bezeichnet. Sie kann ohne Übertreibung als welt- und geistesgeschichtliche Wende bezeichnet werden, die ihresgleichen nicht hat. Ihre Wirkungsgeschichte hält bis heute an.
Es wäre eine Verkürzung, die Reformation auf Luther zu reduzieren. Denn Martin Luther war zwar in Deutschland die zentrale Figur, die die Veränderungen in der Theologie und Kirche angestoßen hat. Doch verbinden sich mit diesen Veränderungen in Deutschland und im Ausland weitere Namen, die für die reformatorische Wende lutherischer und reformatorischer Prägung stehen.
Aus Gründen der didaktischen Reformation aber fokussieren die Unterrichtsvorschläge dennoch Luthers reformatorische Entdeckung. Dies geschieht, um das für Schüler Wesentliche herauszuarbeiten. Dies sind zunächst die Kenntnis der Ereignisse, die die bis heute fortbestehende Trennung der und die unterschiedlichen Traditionen begründen. Alle Reformatoren beriefen sich bei ihrem Widerstand gegen die „Altgläubigen“ auf die Heilige Schrift. Gleich mit welchen Reformatoren sich Schülerinnen und Schüler beschäftigen, sie sollten am Ende der Sekundarstufe in der Lage sein, das Anliegen der Reformation als aus der Lektüre der Bibel entstanden nachzuvollziehen. Damit stärkt der evangelische Religionsunterricht die konfessionelle Identität der Schülerinnen und Schüler. Der Blick auf das evangelische Profil dient aber nicht primär der Abgrenzung, sondern der Unterscheidung von Eigenem und Fremden, die den Dialog mit anders Denkenden erst ermöglicht.
Es ist unverzichtbar, auch bei einem historischen Unterrichtsinhalt auf den Lebensweltbezug der Schülerinnen und Schüler zu achten. Der Kampf Luthers und aller Reformatoren, mit der sie das als wahr Erkannte verteidigen mussten, können auch Schülerinnen und Schüler nachvollziehen. Die Standhaftigkeit der Reformatoren kann als Kennzeichen einer evangelischen Persönlichkeit angesehen werden.


These 1

Ein guter Religionsunterricht gibt den Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, die Reformationsgeschichte und ihre Wirkungsgeschichte nachzuzeichnen.

Das historische Lernen kommt nicht ohne die Erschließung der kognitiven Inhalte aus. Es darf sich aber nicht darin erschöpfen. Am Beispiel des Ereignisses von Stotternheim sei dies erläutert.
Am 2. Juli 1505 – Luther befand sich auf dem Rückweg von Mansfeld, wo er seine Eltern besucht hatte, nach Erfurt, wo er studierte – wurde er wenige Kilometer vor seinem Ziel von einem Sommergewitter erfasst, das ihn in tiefe Todesangst stürzte. Von Schrecken und Angst, in nächsten Augenblick seinem Schöpfer gegenüberstehen zu müssen, entschloss er sich, sein Jurastudium zu beenden und Mönch zu werden. Trotz zahlreicher Ratschläge, diesen Entschluss rückgängig zu machen, setzte er ihn in die Tat um.
Heute findet sich an dieser Stelle ein Gedenkstein, dessen Inschrift aber weder theologisch noch semantisch gelungen ist. Wenn Schülerinnen und Schüler die Gründe erarbeiten, die Luther bewogen, die Universität zu verlassen und in das Augustinerkloster der Stadt einzutreten, sind sie am Ende des Unterrichtsvorschlags in der Lage, die Inschrift des Steins zu verbessern.


These 2

Ein guter Religionsunterricht versetzt die Schülerinnen und Schüler in die Lage, den Kern der reformatorischen Entdeckung zu erläutern und das Selbstverständnis der evangelischen Kirche auf sie zurückzuführen.

Von Gott erwarteten gläubige Menschen zur Zeit Luthers nichts als Strafe, Rache und Zorn. Um die Vergebung Gottes zu erreichen, tat Luther alles: Er fastete, schlief nachts nicht und befolgte die Klosterregeln seines Ordens übergenau. Wie er selber schilderte, hasste Martin Luther Gott für seine Strenge und suchte von Angst geplagt in der Bibel nach dem gnädigen Gott. Er fand ihn im Römerbrief und in den Psalmen. Dort lernte er Gott als einen Vater kennen, der vergibt. Er fühlte sich wie neu geboren.
Aus dieser Entdeckung erschlossen sich ihm auch andere Bibelstellen neu. Die Unterrichtreihe zeigt dies am Beispiel des Gleichnisses vom gnädigen und liebenden Vater (Lk 15,11-32).

Kurzbeschreibung eines Unterrichtsvorhabens zu These 2

Die Unterrichtssequenz trägt den folgenden Titel: „Luthers Erkenntnis: Gott liebt mich!“ In der Unterrichtssequenz wird Luthers reformatorische Entdeckung anhand von Ps 103,1-13, Röm 1,17 und Lk 15,11-32 erarbeitet. Die Kernidee der Unterrichtssequenz besteht darin, dass die Schülerinnen und Schüler Luthers Erkenntnis des liebenden Gottes wie Martin Luther mithilfe der Heiligen Schrift herausfinden. Dazu sollen die oben genannten Bibelstellen dienen. Die Unterrichtssequenz dauert 90 Minuten und ist der Unterrichtsreihe in der Klassenstufe 8 bzw. 9 mit dem Thema „Martin Luther und die Reformation“ zugeordnet.

Beschreibung der Unterrichtsreihe (Verlaufsplanung)    

Materialien:
Präsentation
Materialien 1
Materialien 2
Materialien 3



These 3

Ein guter Religionsunterricht ermöglicht es Schülerinnen und Schüler, Kennzeichen des Evangelisch-Seins zu benennen und an Beispielen seine Bedeutung für sie selbst zu erläutern.

Der Kernlehrplan formuliert als Aufgabe des Evangelischen Religionsunterrichts, dass er Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzen soll, die Kirche in ihrer Geschichte und ihrer gegenwärtigen Gestalt zu verstehen und kritisch zu reflektieren.[9] Voraussetzung dafür ist, wesentliche Inhalte des evangelischen Christentums benennen zu können.[10] Dabei bleibt der Religionsunterricht aber nicht stehen. Die Reformation hat nicht nur die Kirche verändert, sondern auch eine veränderte Sicht auf den Menschen und sein Handeln mit sich gebracht. So wollte und konnte Martin Luther seine reformatorische Entdeckung auch auf Druck der staatlichen und kirchlichen Autoritäten nicht zurücknehmen. Nach seiner Überzeugung durften über Fragen der Wahrheit weder kirchliche Würdenträger noch staatliche Anordnungen noch Mehrheiten entscheiden. Vor dem Reichstag in Worms fühlte sich Luther in seinem „Gewissen gefangen“. Evangelisch zu sein kann in diesem Zusammenhang also bedeuten, in Gewissensfragen gegen den Strom zu schwimmen. Dafür bedarf es Mut und Standfestigkeit. Der folgende Unterrichtsvorschlag arbeitet dies am Beispiel von Luthers Auftreten auf dem Reichstag von Worms heraus und sucht Beispiele aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, in denen sie Mut brauchen, um zu ihrer Meinung zu stehen.

Kurzbeschreibung eines Unterrichtsvorhabens zu These 3

"Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen." Der Unterrichtsvorschlag arbeitet am Beispiel von Luthers Auftreten vor dem Reichstag heraus, was Luther vorgeworfen wurde und weshalb er nicht widerrufen wollte und konnte. Er berief sich darauf, dass er durch sein Gewissen gebunden sei. Dazu werden zwei unterschiedliche Filmausschnitte verwendet. Eine Sequenz zeigt Luther entschlossen, kampfbereit und selbstbewusst: Er will nicht widerrufen. Die andere betont mehr seine innere Not, die ihn daran hindert zurückzuweichen: Er kann nicht widerrufen. Schülerinnen und Schüler suchen Beispiele aus ihrer Lebenswelt, in denen sie Mut brauchen, um zu ihrer Meinung zu stehen.

Beschreibung des Unterrichtsvorschlags

Materialien und Links:
Puzzle  
Reformation LEGO 1  
weitere: Reformation LEGO
Reformation (Screenshot)  
Infoblatt  
Arbeitsblatt  
Here I stand (1953, englisch)
Here I stand (2003, mit Joseph Fiennes, englisch)  


These 4
Ein guter Religionsunterricht leistet einen Beitrag zur Bildung einer eigenen religiösen Identität der Schülerinnen und Schüler und bahnt die Pluralitätsfähigkeit an.

Kurzbeschreibung eines Unterrichtsvorhabens zu These 4

Diese Unterrichtssequenz ist in den Klassenstufen 7 und 8 angesiedelt.
Sie umfasst entsprechend nach methodischer Reduktion und Auswahl 1 bis 2 Unterrichtsstunden.
In dieser Konzeption geht es darum, dass die Lernenden erkennen, dass das Leben Luthers durch Höhen und Tiefen geprägt war. Zudem, dass der vermeintlich vorgezeichnete Lebensentwurf Luthers sich mehrmals aus freien Erwägungen wie auch durch äußere Faktoren änderte.
Hierbei steht im Fokus, dass sich Martin Luther in allen Lebensphasen auf der Grundlage seines Glaubens auf die Gnade Gottes verlassen konnte. Daraus resultiert der in der Unterrichtssequenz anvisierte Blickwinkel, dass auch der Lebensweg der Lernenden durch Höhen und Tiefen gekennzeichnet sein wird. Luther und seine Verankerung im Glauben an einen gnädigen Gott können für eine verantwortungsbewusste Lebensgestaltung vorbildlich sein.
Die Schülerinnen und Schüler befinden sich in der 7. wie auch 8. Klassenstufe sowohl entwicklungspsychologisch wie auch im schulischen Kontext, in einer Phase, die u.a. auf berufliche Perspektiven und die zukünftige Lebensgestaltung abzielt. Der Frage nach einer verantwortlichen Lebensführung kommt hierbei eine zentrale Stellung zu.

Beschreibung des Unterrrichtsvorschlags

Materialien:
01 Lutherose
02 Luthers Liedgut   
03 Luther im Kirchenjahr   
04 Lutherbilder 1   
05 Lutherbilder 2
   

Gesamtreader zur Veranstaltung

Fußnoten
[1] Rat der EKD, Religiöse Orientierung gewinnen, Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule, Gütersloh 22014, S. 25

[2] Kernlehrplan, S. 5

[3] Kernlehrplan, S. 9

[4] Martin Luther, Großer Katechismus Kap. 4, 1. Gebot

[5] Ulrike Baumann, Schwierigkeiten mit Gott als Person, in: JRP 25, Gott im Religionsunterricht, Neukirchen-Vluyn 2009, S. 189

[6] Lukanische Themen sind u. a.: Gott ergreift Partei für die Kleinen und die im Leben zu kurz Gekommenen, die Umkehr des Sünders, die Barmherzigkeit Gottes.

[7] vgl. Friedrich Schweitzer u. a., Dialogischer Religionsunterricht, S. 174 ff.

[8] Kohler-Spiegel, Helga, in der Vielfalt nach Gott fragen, in: JRP 25, Gott im Religionsunterricht, Neukirchen-Vluyn 2009, S,. 203

[9] Kernlehrplan, Dimensionen und Kompetenzen im Fach Evangelische Religion, S. 10

[10] Kernlehrplan, Prozessorientierte Kompetenzen, S. 11